Pavlos Fyssas – Rest in Peace

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Der antifaschistische Rapper Pavlos Fyssas (“Killah P.”) ist tot: durch die Straßen gejagt von einer Gruppe Neonazis, erstochen von Giorgos Roupakias, einem Assoziierten der „Goldenen Morgenröte“. Polizisten begleiteten die herbeigerufenen Nazis zum Tatort, Polizisten sahen dabei zu, wie Pavlos erstochen wurde. Stiche ins Herz, Messer gedreht.

Faschisten sind auf dem Vormarsch in Griechenland, in Europa, wieder. Die griechischen Medien, nun vollständig in privatem Besitz, spielten die Angelegenheit zunächst als “Streit anlässlich eines Fußballspiels” herunter. Deutsche Medien verkleinerten das Problem als Vorfall in der Semiperipherie. Keine Recherche in die Neonazi-Szene. Keine über den Zusammenhang zwischen kapitalistischer Krise, deutschen Wirtschaftsinteressen und rechtsradikalen Auswüchsen überall auf dem Kontinent. Statt Recherche oder Wachsamkeit: blindes Vertrauen in die Samaras-Regierung oder die PASOK-Abgeordneten, sich der Sache anzunehmen, wo sie doch noch bis vor kurzem die Stimmung gegen “faule Immigranten” angeheizt und damit den Nährboden für die Chrysi Avgi mit bereitet hatten. Die 7 Prozent, welche die Nazi-Partei bei den letzten Parlamentswahlen einsammelte, sind nur, wie meistens in solchen Fällen, die Spitze des Eisbergs.

Europa – so stolz darauf, aus der Geschichte gelernt zu haben. “Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!” Alte Worte, alte Kämpfe. Doch nichts ist alt. Nicht im Augenblick der Gefahr. Sie haben einen von uns getötet, auf offener Straße. Die Gefahr ist längst da, die gesellschaftliche “Mitte” hat sie genährt und übersehen. Eine simple Wahrheit, die so wenige Anhänger hat.

Ich wünschte, es gebe ein anderes Wort als Faschismus. Genug Angsthasen, die sich davor scheuen, dieses hässliche Wort zu benutzen. Sie wollen es am liebsten vom Erdboden verschluckt sehen. Weil es den Mythos einer lernenden Geschichte unter sich begräbt, weil es an die eigene Verwobenheit in die Hässlichkeit erinnert.

Doch es hilft nichts: Es gibt kein anderes Wort. Pavlos wusste das: Also werden wir wie er von Faschismus reden, wenn wir ihn sehen. Wir werden von Faschisten reden, wenn wir sie sehen. Wir werden alle damit anfangen und wir werden niemandem diese Erwartung ersparen.

Was können wir von hier aus tun? Nicht ruhen. Genau beobachten. Das Feld analysieren. Unsere Solidarität zeigen: mit all‘ jenen, die entschlossen für alle anderen, und auch für uns, die Auseinandersetzung führen. Sie muss geführt werden, sie muss vor allem gemeinsam geführt werden. Kaum etwas lässt einen Widerstand aussichtsloser erscheinen als das Gefühl, alleine zu stehen.

Pavlos hat immer wieder auf die faschistische Gefahr hingewiesen. Und auf die gefährliche Annäherung zwischen “Goldener Morgenröte” und Polizei, zwischen Faschismus und Staatsapparat. Diese Zeilen zu schreiben kommt mir vor wie ein schlechter Witz. Eine Selbstverständlichkeit, die keine ist, und vielleicht niemals eine sein wird.

Wir leben in einer sehr dunklen Zeit. Wir müssen uns vertrauen können. Der Tag des Begräbnisses war ein echter Zerriss eines Herzens von jedem, der denkt. Elektrizität liegt in der Luft. Am Friedhof waren alle am Implodieren, weil wir keine Explosionen wollten. Alle waren sehr verständnisvoll zueinander, so dass zumindest das Begräbnis ohne krasse Exzesse verlief. Natürlich Autobeschädigungen, aber was heißt das schon.

Der Tag ist für alle hier ein neuer Abschnitt. Kommunisten sind zum ersten Mal seit vier Jahren mit Anarchisten zusammengekommen. Viele Leute hatten darauf verzichtet, sich zu vermummen. Sie hatten keine Gasmasken an, das hat auf die Polizisten psychoaktiv gewirkt. Die Fahnen, mit ihrem langen Holzstab, helfen bei der Zerschlagung der Schaufensterscheiben, hinter denen Gold  zum Verkauf feilgeboten wird. Viel wichtiger aber: Sie schützen die Demo vor der Zerstückelung durch die Polizei. Unglaublich: die Bereitschaft zum Kampf schüchtert die Uniformierten ein, ihre Waffen nutzen nichts. Wie durch einen geheimen Knopf funktionsuntüchtig gemacht.

Ich habe heute zum ersten Mal einen toten Menschen gezeichnet. Kann nicht mehr. Am Grab schrie die Community: Athánatos (unsterblich).

Pavlos Fyssas, R.I.P.:

To those who betrayed me by back stabbing me I want them to know that

I will not bother to cry.

And to all my old loves I want them to know that

I will not bother to cry.

And to those that threatened me burning chains I want them to know that

I will not bother with fear.

Let them come and find me at the mountain top, I’m waiting for them and

I will not bother with fear.

Solidarische Grüße aus Berlin. #antireport #KillahP

(Text von Joulia Strauss und Daniel Mützel. Zeichnungen von Joulia Strauss.)

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