#leak #manifesta10 #kasperkoenig

Folgendes Dokument wurde uns vor wenigen Tagen von einer_m engen Mitarbeiter_in des Kurators der Manifesta 10, Kasper König, zugespielt. Die Quelle möchte anonym bleiben, ist aber der Redaktion bekannt. Aus gegebenem Anlass haben wir das Dokument in drei Sprachen übersetzen lassen. Der Kontakt wurde hergestellt über Netzwerke, die während der Berlin Biennale 7 entstanden sind, und die uns ferner bei den Übersetzungen halfen. (english version; русская версия; polska wersja)

„Die Kunst ist frei. Sie bleibt notwendig, ihrem Wesen nach, frei.

Die Kunst ist frei. Sie ist frei in ihrem Denken und frei in ihrem Schaffen. Und solange sie die fundamentalen Spielregeln einer Gesellschaft respektiert, gilt für sie der Grundsatz: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.

Die Kunst macht die Welt nicht besser, aber sie kann helfen, die Welt in ihren Widersprüchen besser zu verstehen. Die Kunst ist ihrem Wesen nach autonom, und ich glaube, dass sie sich nicht von politischen Konjunkturen abhängig machen darf. Wenn die Kunst ihre Autonomie behalten soll, müssen wir dazu bereit sein, die Grenzen der politischen Realität zu überschreiten.

Wir hatten gehofft, dass, falls es zu einer Eskalation der politischen Lage kommen sollte, dies erst nach der Manifesta eintreten würde und wir uns ungestört unserer Arbeit widmen können. Aber das Leben kommt einem manchmal dazwischen. Nun müssen wir mit der Situation umgehen, so unangenehm sie für uns sein mag. Und wenn das bedeutet, dass wir sie gar ausblenden müssen, um nicht der Selbstzensur anheimzufallen, dann bin ich bereit, diesen Schritt zu gehen.

Unser Ziel ist es nicht, das politische Geschehen in einer Nachbarregion zu kommentieren, das sich bisweilen in der Profanität medialer Schockbilder erschöpft, sondern eine Kunstausstellung zu produzieren, die in einen viel größeren und bedeutsameren Kontext eingebettet ist: Kultur, Bildung, öffentliche Debatten, und ein ungezwungener interkultureller Dialog, welcher der gesamten Bandbreite relevanter zeitgenössischer Kunst gerecht wird. Die Kunst ist reichhaltiger und komplexer als politische Fehden, wenngleich sie in unmittelbarer geographischer Nähe stattfinden.

Der Westen ist geradezu besessen von der Idee, in Russland moralisch aufzuräumen. Was den Regierungen des Okzidents im Kalten Krieg nicht gelang, wird nun, so scheint es, erneut auf die Agenda gesetzt. Aber es gibt in Russland nichts, was aufgeräumt werden müsste – weder von westlichen Sittenwächtern noch im Namen einer Manifesta, deren Ziel es vielmehr ist, den Geist jenen Ortes einzuatmen, an dem sie vorübergehend ihr Zuhause gefunden hat.

Als höflicher Gast bringe ich die gebotene Empathie für die Bedürfnisse meiner russischen Gastgeber auf. Ich bin kein Besatzungsoffizier. Gleichwohl muss ich nichts tun, was ich nicht tun möchte. Es ist ein zwangloses, dialogisches Miteinander, eine Art Befreiung in dieser utopischen Stadt St. Petersburg.

Was die selbst ernannten Morallobbyisten im Westen nicht verstehen: In manchen Situationen ist Opportunismus die einzig mögliche Handlungsoption und die vielleicht einzige wirklich ethische Haltung, wenn man sich seiner kuratorischen Verantwortung nicht entziehen möchte. Denn unsere Aufgabe ist es, die internationale Kunstwelt an einen Ort heranzuführen, der noch seinen Platz in der Welt sucht.

Es ist die Verklemmtheit der russischen Seele, die mich fasziniert und mit der wir uns auf der 10. Manifesta auseinandersetzen, jedoch ohne missionarisch zu sein. Den endlosen Fatalismus und die Tiefe von Dostojewski mit den Größen der heutigen Welt wie Thomas Hirschhorn in Verbindung zu bringen: Das ist der Moment, an dem sich die Zivilisationen die Hände reichen.

Natürlich geht die Situation im Nachbarland auch an uns nicht vollkommen vorbei. Doch ich glaube, dass die Kunst in diesen für manche sicherlich nicht einfachen Zeiten eine Möglichkeit der psychologischen Aufarbeitung sein kann, wie es beispielsweise nach dem 2. Weltkrieg der abstrakte Expressionismus gewesen ist. Zwar ist es nicht Aufgabe der Kunst, komplizierte politische Sachverhalte zu lösen, aber ich schließe gleichwohl nicht aus, dass – indem ich das verteidige, was uns allen wichtig ist –, die Kunst auch zur Entschärfung der schwierigen Probleme eines Landes beitragen kann.

Bislang habe ich es geschafft, billige und selbstgerechte Provokationen von der Manifesta fernzuhalten. Die Ausstellung ist keine Plattform für Inszenierungen von ideologisierten Künstlern oder „Aktivisten“, für die Kunst nichts weiter ist als ein Instrument, um ihre politische Karrieren voranzutreiben.

Die Kunst auf der Manifesta ist frei. Und sie bleibt frei. Wenn ich dafür Kompromisse eingehen muss, mit denen ich vorher nicht gerechnet hatte, ist dies das Opfer, das ich erbringe, um den Raum der Kunst zu verteidigen: gegen Vereinnahmungsversuche westlicher Moralisten und politischer Provokateure.

Kasper König“

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